Untertrieben
In einem seiner letzten Beiträge hatte Martin auf die unverfrorenen Behauptungen der Klimaskepties hingewiesen, die dem IPCC in seinen bisher vier Sachstandsberichten eine kontinuierlich abnehmende Schätzung des Meeresspiegelanstiegs bis 2100 andichten wollten. Eli Rabett hat die Analyse inzwischen aufgegriffen, und es dürfte nun klar sein dass Heartland und EIKE auch hier mit unredlichen Methoden gearbeitet haben, um befreit von Fakten ihre Agenda zu pushen.
Stefan Rahmstorf machte dagegen jüngst in einem Kommentar für Nature deutlich, was selbst Autoren des Wikipedia-Artikels über den Meeresspiegelanstieg schon längst wussten: Das IPCC hat den Anstieg sehr konservativ ein- und ihn damit wahrscheinlich deutlich unterschätzt. Mehrere Studien kamen seit 2007 zu dem Ergebnis, dass wir nicht mit 18 bis 59cm (plus X), sondern mit bis zu 2 Meter mehr Meer zu rechnen haben. Nach Rahmstorf müssten wir eigentlich in den Zeitungen von Sealevelgate lesen, doch E-Mailporno macht Blogger und Journalisten wohl mehr an.
Wer sich die Ergebnisse jüngerer Studien zur mutmaßlichen künftigen Entwicklung des Meeresspiegels anguckt, entdeckt eine deutliche Tendenz. Ganz links ist die IPCC-Schätzung von 2007, weiter rechts folgen die Werte aus fünf nachfolgend veröffentlichten Artikeln.
Bild: Schätzungen des Meeresspiegelanstiegs bis 2100 nach IPCC 2007 und fünf später erschienenen Studien. Quelle: Rahmstorf 2010/Nature.
Das Bild ist eindeutig: Die oberen Schätzungen des IPCC bilden eher den unteren Rand von Zahlen aus nachfolgend angefertigten Studien. Grob betrachtet ergibt sich daraus ein möglicher Meeresspiegelanstieg von 0,5 bis 1,5m im Verlauf des 21. Jahrhunderts, das ist zumindest die Spanne die ich hieraus ableiten würde. Und die finde ich noch eher konservativ.
Ach ja: Ein Anstieg um 1 Meter würde weltweit 150.000 km2 Landfläche verschwinden lassen, fast 200 Millionen Menschen zur Umsiedlung zwingen und über 1 Billion Dollar an Schäden nach sich ziehen. Nötig sind deshalb massive Investitionen in Küstenschutzmaßnahmen wie Deiche, die natürlich den reichen Ländern deutlich einfacher fallen als Entwicklungsländern wie Bangladesh, die extrem unter dem Meeresspiegelanstieg leiden werden.
Und letztlich ist auch klar: Anpassung kann nicht beliebig weit gehen. Ohne effektiven Klimaschutz durch reduzierte Treibhausgasemissionen droht der Meeresspiegel im Verlauf der nächsten Jahrhunderte vollkommen außer Kontrolle zu geraten.
Von Nils Simon
Posted: 22 April, 2010 in Eisschilde und Gletscher, Globale Erwärmung, IPCC, Klimafolgen, Klimaschutz, Klimaskepties, Projektionen, Wasser und Ozeane.
Comments
Comment from Alois
Posted: 22. April 2010 at 21:45
Die Zahl muss 150.000 km2 sein?
[Danke für den Hinweis, nach Nicholls 1995 sind es ~ 150.000 km2 bei einem Anstieg um 1 m. Ich habe mir erlaubt den Fehler zu korrigeren. Martin]
Comment from Michael Krüger
Posted: 23. April 2010 at 16:20
Na, was die Aufregung zu der Aussage soll, dass der IPCC seine Prognosen zum Meeresspiegelanstieg im Laufe der Jahre herunter korrigiert hat, verstehe ich irgendwie nicht.
Im TV wurde darüber schon vor Jahren groß berichtet.
Video ab 1 min.
http://www.youtube.com/watch?v=wsaPBX2xnQY
Sich jetzt um Zentimeter zu streiten ist Blödsinn. Die Grundaussage stimmt.
Ach ja, es gibt nicht nur Veröffentlichungen, die den Meeresspiegelanstieg dramatisieren, da gibt es auch Veröffentlichungen, die die “Panikmache” nicht unterstützen.
„Vor dem Hintergrund der aktuellen Diskussion um Klimaveränderungen und Meeresspiegelanstieg lässt sich festhalten, dass es in den vergangenen 2000 Jahren natürliche, vom anthropogenen Treibhauseffekt völlig unbeeinflusste Änderungen des MThw gegeben hat, deren Ausmaß den heute prognostizierten Zahlen entspricht.”
http://www.klett.de/sixcms/media.php/10/A053-08070002.pdf
Im Gegensatz zu dem oft erklärten Anspruch, dass die Rate des Meeresspiegelaufstieges sich mit der Rate des Aufstieges in der CO2-Konzentration der Luft und/oder der Temperatur beschleunigt hat, konnten Larsen und Clark keinen Beweis dafür finden, welcher diesen Ansatz stützt.
http://www.geogr.ku.dk/courses/4aar1-2/Estuarin/Larsen+Clark.pdf


Comment from Gerhard Straten
Posted: 22. April 2010 at 21:42
Sollte der Meeresspiegel tatsächlich in der von ihnen angenommenen Grössenordnung steigen, so steht hinter den von ihnen angenommenen Folgen zumindest ein grosses Fragezeichen. siehe z.B.:
http://inform.com/science-and-technology/challenge-ipccs-bangladesh-climate-predictions-912087a
Zumindest die Arbeit von Vermeer und Rahmstorf sollte man wohl mit grossen methodologischen Vorbehalten betrachten. Siehe:
http://pielkeclimatesci.wordpress.com/2010/04/13/continued-misconception-of-the-concept-of-heating-in-the-pipeline-in-the-paper-vermeera-and-rahmstorf-2009-titled-global-sea-level-linked-to-global-temperature/