Instant-Revisionismus
Erinnert sich noch jemand an Spaceballs? Den Jungs und Mädels vom gleichnamigen Planeten geht daheim die Luft aus, und Rick Moranis wird im Darth-Vader-Kostüm als Lord Helmchen losgeschickt, dem Planeten Druidia mit einem gigantischen Weltraum-Staubsauger den Sauerstoff abzudrehen. Ein junger Bill Pullman alias Lonestar verhindert das, angelt sich nebenbei eine Prinzessin, und zwischendrin organisiert Mel Brooks als Reinkarnation Yodas einen florierenden Merchandising-Handel.
Irgendwann in der Mitte des Films müssen die Spaceballs die gefangen geglaubte und dank Lonestar entkommene Prinzessin ausfindig machen, um das Passwort (“12345″) für den Schutzschild um Druidias Atmosphäre aus ihr herauszubekommen. Cornel Sandfurz hat schließlich die rettende Idee, der Suche schnellen Erfolg zu verschaffen: Instant-Kassetten (ja, Kassetten – das waren die 80er). Die können im Laden gekauft werden, bevor der Film fertig gedreht ist.
Warum erzähle ich das? Erstens hatte ich schon lange kein Video mehr hier eingebunden. Zweitens habe ich einen besonders guten Artikel des französischen Soziologen Bruno Latour gelesen, der ebenfalls mit so etwas wie Instant-Kassetten aufwarten kann: Why Has Critique Run out of Steam?
Latour ist ein bekannter Denker der Wissenschaftssoziologie, der sich jahrzehntelang mit der sozialen Konstruktion wissenschaftlicher Erkenntnisse beschäftigt hat. Er hat leidenschaftlich gegen die Ingewahrsahmname von “Fakten” und für die Dekonstruktion ideologischer Fundamente hinter den angeblich objektiven Befunden gestritten. Er ist ein kritischer Denker, der Freude daran hat die scheinbaren Gewissheiten, die sich aus dem wissenschaftlichen Betrieb ergeben, zu hinterfragen.
Zuletzt allerdings ist Latour, so schreibt er in seinem Artikel, besorgt und ratlos geworden. Die zahllosen Fragezeichen stehen dafür Zeuge. Eines der von ihm besonders hervorgehobenen Beispiele ist die Leugnung der globalen Erwärmung. Dort ist es ist die Fabrikation von Zweifeln an wissenschaftlichen Fakten, die Erzeugung künstlicher Ungewissheit, die ihn zum Nachdenken bringen.
Fancy that? An artificially maintained scientific controversy to favor a “brown backlash” as Paul Ehrlich would say. Do you see why I am worried? I myself have spent sometimes in the past trying to show the “lack of scientific certainty” inherent in the construction of facts. I too made it a “primary issue.” But I did not exactly aim at fooling the public by obscuring the certainty of a closed argument–or did I? After all, I have been accused of just that sin. Still, I’d like to believe that, on the contrary, I intended to emancipate the public from a prematurely naturalized objectified fact. Was I foolishly mistaken? Have things changed so fast?
In which case the danger would no longer be coming from an excessive confidence in ideological arguments posturing as matters of fact–as we have learned to combat so efficiently in the past–but from an excessive distrust of good matters of fact disguised as bad ideological biases! While we spent years trying to detect the real prejudices hidden behind the appearance of objective statements, do we have now to reveal the real objective and incontrovertible facts hidden behind the illusion of prejudices?
Es ist diese Vermischung des ernst zu nehmenden Ansatzes beispielsweise von Mike Hulme, der auf die kulturelle Dimension des Klimawandels als soziales Konstrukt hinweist, mit dem berechneten Überbetonen bestehender Unsicherheiten in der Faktenlage durch professionelle Leugner, die unter dem Applaus der Fußvolk-Skepties effektive Klimapolitik verhindern, was mich manchmal dreimal nachdenken lässt was ich von einem dahergeschriebenen Stück Klimawissenschaftskritik halten soll.
Latour benennt die Verschwörungstheorien über den 11. September als ein weiteres Beispiel für eine außer Kontrolle geratene Tendenz zur Überkritik. Diese, so seine Beobachtung, kommt nicht wie die philosophische Ideologiekritik teilweise erst Jahrzehnte nach einem Ereignis, sondern tritt binnen kürzester Zeit auf den Plan – im Instant-Tempo.
Remember the good old days when revisionism arrived very late, after the facts had been thoroughly established, decades after bodies of evidence had accumulated? Now we have the benefit of what can be called instant revisionism? The smoke of the event has not yet finished settling before dozens of conspiracy theories are already revising the official account, adding even more ruins to the ruins, adding even more smoke to the smoke.
Instant-Revisionismus ist tatsächlich etwas Spezielles, und er hat eine Schwester. Die Instant-Klimaskeptiererei ist ein Phänomen, bei dem sicher nicht nur ich mich manchmal frage, wie die Skepties scheinbar noch bevor ein Pseudoskandal überhaupt aufgetreten ist bereits den Dschihad in Form zusammengelogener Blogbeiträge ausrufen können. Das Tempo jedenfalls ist atemberaubend, und wer wie ich kopfschüttelnd die soziale Dekonstruktion der Klimapolitik in den vergangenen drei Monaten mitverfolgt hat weiß, wovon ich rede.
Während Jerome Ravetz das Heil der Wissenschaft in der extended peer community in Gestalt schrottiger Blogs vermutet, besticht Latour ein deutlich unheimlicheres Gefühl bei diesem Phänomen. Was ihn besonders verstört, so scheint mir, sind nicht bloß die beschriebenen sozialen Phänomene an sich. Es ist die Wiedererkennung bekannter Methoden, und zwar die, deren er sich selbst als Akademiker bedient. Diese sind es, die bei ihm ein zwischen den Zeilen verstecktes Gefühl von entfernter Verantwortung für dieses ganze Elend auslösen.
What has become of critique when there is a whole industry denying that the Apollo program landed on the Moon? What has become of critique when DARPA uses for its Total Information Awareness project the Baconian slogan Scientia est potentia? Have I not read that somewhere in Michel Foucault? Has Knowledge-slash-Power been co-opted of late by the National Security Agency? Has Discipline and Punish become the bedside reading of Mr. Ridge? [...]
Maybe I am taking conspiracy theories too seriously, but I am worried to detect, in those mad mixtures of knee-jerk disbelief, punctilious demands for proofs, and free use of powerful explanation from the social neverland, many of the weapons of social critique. Of course conspiracy theories are an absurd deformation of our own arguments, but, like weapons smuggled through a fuzzy border to the wrong party, these are our weapons nonetheless. In spite of all the deformations, it is easy to recognize, still burnt in the steel, our trade mark: MADE IN CRITICALLAND.
Von Nils Simon
Posted: 16 Februar, 2010 in Klimaschutz, Klimaskepties, Nachbarschaft, Soziologie.
