Pielke beweist: Schutz vor Hurrikanen unmöglich! Anpassung an den Klimawandel sinnlos!
Dies ist ein weiterer Beitrag zu dem Rätsel um die scheinbar wirkungslosen Schutzmaßnahmen vor Hurrikanen. Zur Erinnerung: In einem früheren Beitrag hatte ich von Pielke et al. 2008 (PDF) sowie Schmidt et al. 2009 (kurz-PDF) (preprint, PDF) berichtet. Beide erklären den Anstieg der Hurrikanschäden in den USA vor allem durch die Zunahme von Immobilenvermögen in bedrohten Regionen. Während Pielke et al. den beobachtbaren Schadenstrend komplett mit sozioökonomischen Faktoren erklären können, bleibt bei Schmidt et al. ein Anstieg um 4% pro Jahr seit 1970 übrig (der verschwindet, wenn man seit 1950 zählt), der möglicherweise auf zunehmende Hurrikanaktivität zurückführbar sei.
Gerade tobt die Diskussion um eine angebliche Falschdarstellung, ergo Übertreibung, von zunehmenden Schäden durch Naturkatastrophen im Stern-Report von 2006. Roger Pielke Jr. ist an vorderster Front mit dabei, siehe hier und hier und hier, und mit dem Dreh zum IPCC hier. Da lohnt es sich bei einem der selbst ernannten “honest broker” mal genauer nachzusehen, wie solide die Basis für seine Behauptung ist, es gebe praktisch keinen Anstieg an wetterbedingten Schäden. Ist ja gut möglich dass dem so ist. Doch ist es auch wirklich sauber herausgearbeitet worden?
Beide Studien, Pielke et al. 2008 und Schmidt et al. 2009, berücksichtigen nicht die Vermeidung von Hurrikanschäden durch vorbeugende Maßnahmen, und das ist neben den sonstigen methodischen Herausforderungen eine gravierende Schwachstelle. Kurz gesagt bedeutet dies: Was immer die Amis gegen herannahende Hurrikane machen, es ist vollkommen sinnlos. Auf die Spitze getrieben heißt das sogar: Adaptation vor Klimawandel ist wirkungslos. Wie kommt so etwas zustande?
Pielke et al. 2008 schreiben, dass es in den vergangenen Jahrzehnten keine gravierenden Verbesserungen bei den gesetzlichen Standards im Hausbau gegeben habe, deshalb sei kein Einfluss der Bauweise auf die ermittelte Schadenssummen zu erwarten. Vielleicht war der Gesetzgeber nicht aktiv – der technologische Fortschritt hat deshalb aber nicht angehalten. Neben gesetzlichen gibt es zudem noch freiwillige Standards. NOAA etwa hat schon vor einiger Zeit durch sein Sea Grant-Programm Empfehlungen für Gebäudestandards eingeführt, die Häuser besonders widerstandsfähig gegen Hurrikane machen soll. In North Carolina sollen NOAA (PDF) zufolge 200 von 205 nach diesem Standard direkt an der Küste gebaute Gebäude dem Hurrikan Fran von 1996 standgehalten haben, während über 500 ältere benachbarte Gebäude zerstört wurden.
Dass die gesamte Hurrikanbeobachtung durch die NOAA wertlos sein soll ist ebenfalls nicht belegt – aber ein implizites Ergebnis von Pielke et al. 2008. Die Observation von Hurrikanen ist technisch weit gediehen und sehr viel ausgefeilter als noch 1970, oder 1950, oder 1900. Die Vorausberechnung des Pfades, den ein Hurrikan wahrscheinlich nehmen wird, ist heute über 48 Stunden so zuverlässig wie 1970 über die Hälfte der Zeit. In einigen Jahren wird wohl auch die 3-Tages-Voraussage diese Präzision erreicht haben. Der wirtschaftliche Nutzen dieses Fortschritts nach dem Modell von Pielke et al.? Nicht berücksichtigt.
Auf der NOAA-Website findet sich eine bunte Mischung von Studien, welche den wirtschaftlichen Nutzen der ganzen Hurrikanstudiererei abzuschätzen versuchen. Den Angaben von Willoughby 2001 zufolge führt die Arbeit der NOAA zu Einsparungen über 3 Milliarden US-Dollar pro Jahr, wovon 2 Milliarden auf gerettete Menschenleben (ich will die Rechnung lieber gar nicht sehen) und 1 Milliarde auf geschütztes Eigentum entfallen. Erwähnt bei Pielke et al.? Nein.
Selbst für vermiedene Evakuierungen wird bei der NOAA noch ein volkswirtschaftlicher Nutzen errechnet. Jede Meile zu evakuierende Küste kostet demnach 640.000 Dollar (wobei die Summe zwischen 100.000 und eine Million Dollar schwankt, je nach Studie). Wenn NOAA genauere Sturmpfade vorherzusagen vermag, verringert sich dadurch die Länge unnötig geräumter Küstenstreifen. Ich weiß nicht ob die Kosten für die Evakuierung in die Schadensberechnungen für einzelne Hurrikane eingehen, aber wenn, dann kommt da bei jedem auf Land treffenden Sturm einiges zusammen.
Hurrikans sorgen in der Regel für Überschwemmungen. Eine Maßnahme, um Hurrikanschäden klein zu halten sind deshalb entsprechende Schutzkonzepte. Allein Wikipedia zählt 19 Flood Control Acts auf, die zwischen 1913 und 1970 beschlossen wurden. Diese Gesetze gaben dem US Army Corps of Engineers jeweils den Auftrag, Schutzvorkehrungen gegen Überflutungen zu treffen und damit Schäden durch Hurrikane zu vermeiden. Die errichteten Anlagen funktionieren in der Regel gut, manchmal besser als erwartet, und manchmal – wie im Fall Katrina – auch überhaupt nicht. Die Auswirkung solcher Schutzbauten in der Analyse von Pielke et al.? Gleich Null.
Dass sich Menschen trotz weithin sichtbarer irrationaler Entscheidungen überhaupt nicht auf Katastrophen vorbereiten gehört in den Bereich der Märchen. Pielke et al. machen sich trotzdem nicht die Mühe, die Wirkung solcher Schutzvorkehrungen zu überprüfen. Sie gehen einfach davon aus dass sie nicht existieren. Das ist in etwa so, als ob man sich über die ausbleibenden Sturmflutkatastrophen an der Nordsee wundern muss, weil man die Existenz der Deiche ignoriert.
Hinter der Annahme, Schadensvermeidung und -begrenzung spielten bei Hurrikans keine Rolle steckt die Vorstellung, dass Menschen heute einem herannahenden Hurrikan genau so begegnen wie vor Jahrzehnten – dass sie sich genau so gut oder schlecht darauf vorbereiten, genauso rechtzeitig oder eben nicht ihr Haus zurücklassen, und ihr Haus genau so sicher oder unsicher zurücklassen wenn sie fliehen. Die Verwundbarkeit gegenüber Hurrikanen müsste deshalb heute genau so hoch sein wie 1950, oder 1900. Das ist schwer vorstellbar. So schwer, dass für diese Annahme eine wirklich gute Quelle zitiert werden müsste. Tatsächlich finden sich in einem Abschnitt bloß einige Begründungen, warum man sich nicht mit Schutzmaßnahmen beschäftigt hat. Für die Kommunikation der Studienergebnisse, so ist zumindest mein Eindruck, haben die dort sichtbar werdenden Einschränkungen keine Rolle gespielt.
Ein wenig um die Ecke gedacht hat Pielke mit seiner Analyse sogar bewiesen, dass die vielbeschworene Anpassung an den Klimawandel sinnlos ist. Das klingt nicht nur auf den ersten Blick bizzar. Die USA leben seit ihrem Bestehen mit den Hurrikanen. Im Laufe des 20. und 21. Jahrhunderts wurden und werden sie immer genauer beobachtet und studiert. AmerikanerInnen bauen stabilere Häuser und bereiten sich auf heranrollende Hurrikans vor. Sie beschließen Wasser- und Küstenschutzkonzepte und vernageln ihre Fenster, wenn ein Sturm aufzieht. All das müsste noch intensiviert werden, sollte sich herausstellen dass in Zeiten des Klimawandels tatsächlich weniger, dafür aber stärkere Hurrikane zu erwarten sind. Pielkes Analyse zufolge aber ist die Anpassung an die bestehenden klimatischen Bedingungen über die letzten 100 Jahre folgenlos für die Verwundbarkeit gegenüber Tropenstürmen geblieben. Das wären keine guten Aussichten für die nächsten 100 Jahre…
Roger Pielke Jr. schwört auf den honest broker, ein Typus von Wissenschaftler, der existierende Unsicherheiten konsequent benennt und die Wahlfreiheit von Entscheidungsträgern erhöht statt sie einzuschränken. Aus Pielke et al. 2008:
The normalization methodologies do not explicitly reflect two important factors driving losses: demand surge and loss mitigation. Adjustments for these factors are beyond the scope of this paper, but it is important for those using this study to consider their potential effect.
Kann mich jemand darauf hinweisen, an welcher Stelle Pielke gut sichtbar auf diese wichtigen Lücken hingewiesen hat, wann immer er als honest joker unterwegs war, um die Entwicklung von Hurrikanschäden in den USA zu diskutieren und dabei zu behaupten, sie hätten so gut wie nichts mit dem Klimawandel zu tun? Wie oben gesagt: Vielleicht gibt es den Zusammenhang nicht. Das macht das Ignorieren von Schutzvorkehrungen gegen Hurrikane aber nicht weniger problematisch.
Von Nils Simon
Eingetragen: Februar 2nd, 2010 unter Klimaschutz, Klimaökonomie, Wasser und Ozeane.