Klimawandel weiter ungebremst
Das britische Met Office beziehungweise das darin angesiedelte Hadley Centre hat eine kurzweilige Broschüre (PDF) herausgegeben, die dem wiederholt im Internet zu lesenden, aber grundfalschen Mythos einer seit einigen Jahren “gebremsten” oder gar “gestoppten” Erderwärmung den Boden unter den Füßen wegzieht.
Der Mythos liest sich in der Regel in der Form: “Seit 1998 ist die Erde nicht wärmer geworden!” Darauf eingegangen sind u.a. schon A Few Things Ill Considered und SkepticalScience, auf deutsch siehe die Beiträge von Georg Hoffmann hier und hier. Das grundlegende Problem: “Klima” ist per Definition auf einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten angelegt, typischerweise wenigstens 30 Jahre. Man kann zwar erwarten, in einem 10-Jahres-Zeitraum mit einer nicht zu kleinen Wahrscheinlichkeit ebenfalls den langfristigen Trend zu erkennen, das muss aber nicht notwendigerweise so sein.
Die Wahl trifft allerdings aus einem ganz bestimmten Grund auf das Jahr 1998: Damals herrschte ein enorm starker El Nino vor, der für dieses Jahr zu einem aufgeblähten Temperaturwert führte. Die Spitze ist in allen gängigen Temperaturkurven deutlich sichtbar:
Bild: Zwei boden- und zwei satellitengestützte Temperaturkurven zwischen 1979 und 2007. Die Kurven wurden auf einen gemeinsamen Zeitraum zentriert und zeigen einheitlich einen relativen Temperaturanstieg über die letzten 30 Jahre an. Quelle: Open Mind. Siehe auch hier.
Wer nun eine Temperaturkurve zeigt, die von 1998 an bis heute reicht, kann leicht den Eindruck erwecken, dass sich das Klima abgekühlt hätte. Dummerweise lässt sich das nur mit dem bloßen Auge erkennen, der berechnete Trend sieht allerdings anders aus. Open Mind hat die beiden gängigen bodengestützen Temperaturkurven herangezogen und den Trend ihrer monatlichen Mittelwerte seit 1998 eingezeichnet. Das Ergebnis: Selbst mit dem verzerrenden El-Nino-Jahr 1998 als Startpunkt sieht man eine Erwärmung:
Bild: Globale Mitteltemperatur von 1998 bis 2007 anhand monatlicher Werte mit eingezeichnetem Trend für GISTEMP und HadCRU. Quelle: Open Mind.
Um trotzdem behaupten zu können, die Erde hätte sich seit 1998 nicht bzw. kaum erwärmt, muss man schon zu ein paar schmutzigen Tricks greifen: Erstens müssen die Satellitendaten herangezogen werden, die für die genannten Zeitraum einen noch etwas geringeren Trend aufzeigen – da greifen die üblichen Verdächtigen mit Vorliebe auf die Daten der University of Alabama in Huntsville (UAH) zurück und lassen die zu einem höheren Ergebnis kommende Analyse der Remote Sensing Systems (RSS) gerne außen vor. Zweitens muss die erste Jahreshälfte 2008 mit in die Betrachtung einbezogen werden, die durch einen kalten La Nina, gewissermaßen das Gegenstück zum hitzigen El Nino, außergewöhnlich kühl war. Kurz zusammengefasst: Wer die globale Erwärmung verharmlosend darstellen will, muss als Startpunkt bloß ein außergewöhnlich heißes El-Nino-Jahr wählen, sich unter den vier Temperaturkurven die günstigste herauspicken und als Endpunkt ein kaltes La-Nina-Jahr heranziehen. Voilá, Täuschung geglückt.
Doch halt: Wie oben schon beschrieben, kann ein zu kurzer Zeitraum den Blick auf das Gesamtbild trüben. Auf RealClimate war eine vielsagende Grafik zu sehen, die dieses Argument untermauert. NASA-Klimatologie Gavin Schmidt hat darin die globale Temperatur der letzten 30 Jahre als Grundlage genommen und für jeden verfügbaren 8-Jahres-Zeitraum den Trend eingezeichnet. Und siehe da: Es lassen sich ein halbes Dutzend solcher kurzer Perioden finden, in denen der Temperaturtrend sogar negativ war.
Bild: Temperaturkurve der letzten 30 Jahre mit eingezeichneten 8-Jahres-Trends. Quelle: RealClimate.org.
Vergleichbares hat auch Atmoz für 5-Jahres-Trends erarbeitet. Und das Met Office, von dessen kurzem Bericht (PDF) in der Einleitung die Rede war? Das schlussfolgert: “Wer denkt, die globale Erwärmung hätte aufgehört, hat den Kopf in den Sand gesteckt.” Seit Mitte der 1970er Jahre hat sich die Erde pro Jahrzehnt um mehr als 0,15°C erwärmt. Dabei sind die Ozentemperaturen erwartungsgemäß etwas geringer und die Temperaturen über Land deutlich stärker gestiegen. Und vergleichbar dem Vorgehen von RealClimate hat auch das Met Office die Temperaturkurve der letzten 30 Jahre zum Kontrast mit kürzeren Trends zusammen dargestellt.
Bild: Globale Durchschnittstemperatur 1975-2007, mit eingezeichnetem 33-Jahres-Trend (rot) und drei 10-Jahres-Trends (blau). Quelle: Met Office Hadley Centre (PDF).
Es zeigt sich deutlich, dass man je nach Wahl des 10-jährigen Zeitraums ein vom langfristigen Trend erheblich abweichendes Ergebnis erhalten kann – und dass, ganz nebenbei, auch die letzten 10 Jahre immer noch eine Erwärmung aufweisen.
Von Nils Simon
Posted: 25 September, 2008 in Temperatur.
Comments
Comment from Tim
Posted: 5. Dezember 2008 at 17:33
Nun mal langsam. Die Berichterstattung über den Klimawandel ist dermaßen unsachlich und kurzatmig, daß es kein Wunder ist, wenn nun immer mehr Leute skeptisch werden. Wie oft hat man schon Berichte darüber gelesen, daß es in diesem Monat X Grad wärmer als im Vorjahr war und daß die Arktis dieses Jahr wieder X Prozent weniger Eisfläche hat! +Das+ sind die kurzfristigen Trends, die die Medien dominieren.
[Antwort: Wenn Du das für einen kurzfristigen Trend hältst, kann ich Dir auch nicht helfen. Nils]





Comment from Thorsten
Posted: 25. September 2008 at 18:34
Die zutreffenden Erkenntnisse vom Hadley Centre sind nicht neu. Sie wurden gleichlautend in den letzten Monaten und Jahren immer und immer wieder von Fachleuten vorgetragen. Unverständich, dass es immer noch sog. Skeptiker gibt, die diese Tatsachen hartnäckig ignorieren und wider besseren Wissens von einer Klimaabkühlung sprechen. Ich bin einmal gespannt auf die Erklärungen und Rechtfertigungen sog. Skeptiker, wenn der Temperaturtrend in den nächsten 10 und 2o Jahren noch weiter aufwärts geht und die damit weltweit verbundenen negativen Folgen immer sichtbarer werden.
Bis dahin wurde unter aktiver Mitwirkung dieser Skeptiker viel Zeit vertan, um dringend notwendige Klimaschutzmaßnahmen umzusetzen.