Die radikale Linke und der Klimawandel
Aus der Linken kommen oft hervorragende Kritiken der herrschenden Klimapolitik, aber ambitionierte und umfassend formulierte Alternativen muss man mit der Lupe suchen.
“Wem gehört der Klimawandel?” Unter diesem Titel beleuchtet die gemeinsame Sommerausgabe der linken Zeitschriften arranca! und sul serio das Widerstreben, mit dem die radikalere Linke bislang auf die Erderwärmung reagiert beziehungsweise sie weitgehend ignoriert hat.
Das Ergebnis ist leider nur teilweise überzeugend. Die Analyse des Problems kann ich an vielen Stellen noch mitgehen, doch leider ist die Präsentation von Lösungen praktisch nicht existent. Das ist ja auch die unangenehmste, schwierigste und am leichtesten in Verrat an den eigenen Idealen mündende Tätigkeit, vor der ich mich selber auch gerne drücke.
Jetzt ist von einer Gratiszeitschrift aus dem linken Berliner Spektrum, die in einer Auflage von 4.000 Exemplaren an Bibliotheken ausgelegt wird, keine umfassende Konzeption alternativer Lebens- und Wirtschaftsmodelle oder, noch davor ansetzend, eine universelle Problemanalyse zu erwarten. Doch der Eindruck, den ich gestern beim Lesen meines Exemplars aus dem Roten Café hatte, ist nicht zum ersten Mal entstanden.
Auf ungleich höheren Niveau habe ich ihn bei “Fair Future” gehabt, herausgebenen 2005 vom Wuppertal Institut. Auf eine brillante Problembeschreibung folgt ein ziemlich wachsweich geformter Lösungsansatz. Das kleine attac-Büchlein “Wem gehört der Himmel?” leidet unter dem selben Problem. Einer großartigen, griffigen Analyse fehlen am Ende die Seiten, um den herrschenden Strukturen eine praktikable und nachhaltige Alternative entgegen zu setzen.
Ist dies am Ende gar das Problem, das die Linke mit dem klimapolitischen Mainstream teilt? Dass die Lösungen so schwierig vorstellbar sind, sobald sie konkret ausgearbeitet werden müssen? Dabei sind einige der schlimmsten Verwerfungen der ökonomistisch ausgerichteten globalen Klimapolitik mit linker Globalisierungskritik vorausgesagt worden. Hierzu zählen vor allem die desaströsen Erfahrungen mit Agrokraftstoffen und die Unwirksamkeit des pur marktzentriert ausgerichteten Kyoto-Protokolls. Bei solch effektiven Frühwarnsystemen sollten doch eigentlich auch Positivbeispiele anvisiert werden können, oder? George Monbiot hat mit “Heat” schon eine sehr lesenswerte Vorlage geliefert. Wann gibt es mehr Nachschub in diese Richtung?
Der andere Ansatz, mehr im Zentrum der politischen Debatte stehend, hört auf klangvolle Namen wie “Megatrend Umweltinnovation”, “ökologische Industriepolitik” oder “grüne Marktwirtschaft”. Das ist, kurz gesagt, nicht ganz so neuer Wein in etwas aufgeputzten Schläuchen. Trotzdem interessant. Und in Ermangelung effektiver Gegenvorschläge bestimmt diese Sichtweise über kurz oder lang das Feld.
Das gäbe der Linken zumindest wieder etwas, woran sie sich abarbeiten kann.
Posted: 20 August, 2008 in Klimapolitik.
