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Bücher (deutsch)

- Marcel Hänggi: Wir Schwätzer im Treibhaus. Rotpunkt, 2008.
- George Monbiot: Hitze. Riemann, 2007.
- Stefan Rahmstorf und Hans Joachim Schellnhuber: Der Klimawandel. C.H. Beck, 2007.
- Hermann Scheer: Der energethische Imperativ Kunstmann, 2010.
- Harald Welzer: Klimakriege. S. Fischer, 2008.

Bücher (englisch)

- James Hoggan: Climate Cover-Up. Greystone, 2009.
- Mike Hulme: Why We Disagree on Climate Change. Cambridge University Press, 2009.
- Mark Lynas: Six Degrees. Random House, 2008.
- Roger Pielke, Jr.: The Climate Fix. Basic Books, 2010.
- Stephen Schneider: Science as a Contact Sport. National Geographic, 2009.
- Spencer Weart: The Discovery of Global Warming. Harvard University Press, 2008. Auch online.

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Amerikaner weniger, aber immer noch mehr wert

Via Climate Progress habe ich von einer bemerkenswerten kleinen volkwirtschaftlichen Korrektur der US-amerikanischen Umweltbehörde EPA erfahren – und dieses Mal gab es keine orakelhafte, aber rechtzeitige Warnung von Abe Simpson. Der statistische Preis eines amerikanischen Lebens ist deutlich nach unten korrigiert worden, wie die Washington Post berichtet. Statt wie zuvor $8,04 Mio. ist ein durchschnittlicher US-amerikanischer Bürger jetzt nur noch $7,22 Mio. oder satte 10% weniger wert (CBS schreibt von $6,9 Mio., ich vermute der Unterschied liegt am Inflationsausgleich). Das kommt euch skurril vor? Willkommen in der Umweltökonomie!

Abraham Simpson konnte die Amerikaner nicht vor dem Verlust von 10% ihres Lebenswertes warnen!

Es ist in der Umweltökonomie bei der Berechnung externer Kosten üblich, Preisschilder auf die wildesten Dinge zu kleben: Pflanzenarten, Ökosystemdienstleistungen, ja ganze Ökosysteme werden darin aufgerechnet. Das hat einen ziemlich entscheidenden Vorteil: Werden diese Dinge nicht geldwert in die Rechnung mit aufgenommen, zählen sie überhaupt nichts. Ist es volkswirtschaftlich sinnvoll, einen Regenwald abzuholzen und das Holz nach Europa zu verschiffen? Hat der Wald gar keinen geschätzten Wert, ist es das immer. Wird der Nutzen des Waldes vorher versucht zu ermitteln, kann sich das Ergebnis durchaus ändern (auf dem Papier zumindest).

Diese Rechnerei hat aber auch massive Schwächen, oder sagen wir lieber: Perverse Effekte. Silvio Funtowicz und Jerome Ravetz haben bereits 1994 in einem viel beachteten Essay in der Ecological Economics nach dem Wert eines Singvogels gefragt. Neben vielen anderen Aspekten führen sie den Begriff der Umweltökonomie als einer “postnormalen” Wissenschaft ein, die mit Qualitätsproblemen ihrer Datengrundlage, unsicheren Zukunftsprognosen und damit vor allem einer gehörigen Portion Unsicherheit umzugehen hat. Paul Baer von Ecoequity hat 2007 den Titel des Essays von Funtowicz und Ravetz aufgegriffen und anhand eine Diskussion über den Wert eines Eisschildes eine harsche Kritik am Stern-Report von 2006 erhoben, in der Baer die fatale Unterschätzung des Risikos eines schmelzenden grönländischen Eisschildes in Sterns volkswirtschaftlicher Berechnung aufzeigt.

Doch das sind letztlich nur Kinkerlitzchen gemessen an dem, was die Umweltökonomie noch verbricht. Bleiben wir beim Stern-Report, der hier stellvertretend für die ganze Disziplin stehen darf. George Monbiot hat nach langem Nachdenken festgestellt, dass Stern ganz aus Versehen einen sehr realen Handel mit Menschenleben vorgezeichnet hat. Monbiot bringt das Beispiel einer dritten Landebahn am Londoner Flughafen Heathrow, unter den britischen Ökobewegten ein ziemlich heißes Thema. Laut vermutlich schöngerechneten Regierungszahlen liegt der wirtschaftliche Nutzen der Landebahn für Großbritannien bei £5 Mrd., der geschätzte Schaden durch den Klimawandel, ausgelöst duch die zusätzlichen Flugbewegungen, jedoch nur bei £4,8 Mrd. Macht £200 Mio. plus, eine schöne Sache, oder? Äh, nein. Denn was als “Schäden” in solchen Rechnungen auftaucht, sind nach Monbiot mit eingerechnete Verluste von Menschenleben:

On the other side are the costs of climate change. Some of them – such as higher food prices and the expense of building sea walls – are financial, but most take the form of costs which are generally seen as incalculable: the destruction of ecosystems and human communities; the displacement of people from their homes; disease and death. All these costs are thrown together by Sir Nicholas with a formula he calls “equivalent to a reduction in consumption”, to which he then attaches a price.

Dieser Preis ist nichts geringeres als der Preis des Lebens. Und Menschen in Entwicklungsländern, mit ihrer geringeren Ausbildung, ihrem geringeren Einkommen und ihrem geringeren Konsum haben dabei, man ahnt es, die schlechteren Karten. Was kostet so ein typisches afrikanisches Leben? Etwa ein Fünfzehntel eines in einem Industrieland lebenden Menschen, berichtet Aubrey Meyer:

A group of economists, mainly in the US and the United Kingdom, have been pushing the idea of “economic efficiency” in the global climate negotiations. This effectively means that we should try to maximise the global dollar income, such that the costs of abating greenhouse gas emissions should equal the damage those emissions would otherwise have caused.

The IPCC was persuaded to include the results of a global cost-benefit analysis in its report. In this analysis every possible damage that might result from global warming, including human lives, must be given a dollar value. These values are calculated on the basis of asking people’s “willingness to pay” to avoid the risk that damage. People in rich countries, it was assumed, would be willing to pay 15 times more than people in poor countries. In other words, your right to live depends on your income. The same ratio was applied to non-human life in each country, i.e forests, biodiversity etc..

This is not just an academic absurdity. These figures were aggregated using US$ market exchange rates, to show that the damage due to projected CO2 doubling would be less than 2% of Gross World Product, similar to the projected abatement costs, suggesting that perhaps it is not “efficient” to make much abatement. Consequently many lives, most of them in poor countries, would be lost because of the unequal valuation.

Eine ähnliche Kritik ist vom Wuppertaler Wissenschaftler Wolfgang Sachs in Marcel Hänggis hervorragendem Radiobeitrag “Die Ökonomie des Klimawandels” vom Dezember 2007 zu hören.

Die kleine Verringerung eines amerikanischen Lebenswertes seitens der EPA wird keine großen Veränderungen bewirken, zumindest nicht im Verhältnis von Industrie- zu Entwicklungsländern. Das ist aber auch gar nicht der Sinn der Sache. Da gibt es vielmehr den fiesen Verdacht, die EPA hätte in der Endphase der Bush-Administration nicht etwa aufgrund “besserer” Berechnungen den Wert von John und Jane Doe verringert. Es steht eine handfeste Entscheidung über die Zukunft der amerikanischen Luftreinhaltegesetze an. Und je weniger wert ein Leben ist, als um so teurer und ergo “ineffektiver” könnte sich eine Verschärfung der Regelungen entpuppen. Auf der einen Seite stehen Kosten für die Entwicklung und den Einbau neuer Filter, auf der anderen Seite stehen 8, nein sorry bloß 7 Millionen Dollar teure Todesopfer. Mit ein wenig Phantasie und Zahlentricksereien kommt man ähnlich wie beim Flughafen Heathrow ohne Probleme auf den  gewünschten “ökonomisch vorteilhaften” Verzicht schärferer Gesetze. Wenig überraschend hat das US-Verkehrsministerium seit jeher schon einen deutlich niedrigeren Wert des Lebens als die EPA angenommen, aktuell etwa $5,8 Millionen pro Nase laut der Washington Post. Das hilft vor allem bei einem: Die Kosten von Verkehrsunfällen niedrig zu rechnen. Welche von diesen Zahlen die richtige ist? Selbstverständlich gar keine.

Wenn ihr also zukünftig etwas über die Kosten von Klimaschutz und Klimaschäden hört, behaltet im Kopf: Die Kosten des Klimaschutzes sind technische Innovationen, Arbeitsplätze und eine nachhaltige Lebensweise. Die Klimaschäden hingegen sind zerstörte Existenzen, vertriebene Leute und eine Menge toter Menschen. Selbst wenn Klimaschutz nach dieser Rechnung teurer wäre als die Klimaschäden: Auf welcher Seite der Gleichung wollt ihr lieber stehen?

Von Nils Simon

Comments

Comment from Wolfgang Flamme
Posted: 25. Juli 2008 at 19:30

Gute Frage. Zum Glück gibt’s ja noch die dritte Seite der Gleichung. Klimaschutz, technische Innovationen und eine nachhaltige Lebensweise zu exorbitanten Preisen an die Ängstlichen verkaufen, davon die privaten KK- und Alterssicherungsbeiträge an die andere Seite der Gleichung entrichten. Das Ziel ist doch, reich und gesund alt werden zu können.

Comment from ~ghw
Posted: 28. Juli 2008 at 14:43

Na dann sind wir alle froh, dass uns das Kyoto-Protokoll keine Anlagenstilllegungen, keine exportierten Arbeitsplätze und keine dadurch zerstörten Existenzen gebracht hat…

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