Anna Nicole Smith und das Klima
Via Andrew Revkin von Dot Earth bin ich auf ein großartiges Video der Medienwissenschaftlerin Alisa Miller gestoßen. Miller untersucht die räumliche Verzerrung, die sich aus der unausgewogenen Berichterstattung US-amerikanischer Medien ergibt. Oder in anderen Worten: Wie es dazu kommt, dass bestimmte Länder und Ereignisse überhaupt nicht erwähnt werden, während andere überdominant vorkommen – und welche Folgen das für die öffentliche Wahrnehmung hat.
Das allein ist schon spannend. Doch Miller macht ziemlich zum Anfang ihres Vortrages einen wirklich verstörenden Vergleich. In ihrer Analyse der Medienberichterstattung vom Februar 2007 entfielen zunächst einmal von den gesamten Berichten 79% auf die USA. Die restlichen 21% wurden deutlich von der Situation in Irak dominiert. Russland, Indien und China zusammen (!) erreichten nicht einmal 1%.
Eine einzige Story hat dabei den Anteil der USA besonders stark nach oben getrieben. Es ist die vom Tod der Schauspielerin Anna Nicole Smith. Was hat das jetzt mit dem Klima zu tun? Nun, im Februar 2007 wurde der erste Teil des Vierten Sachstandsberichtes des IPCC in Paris vorgestellt. Und die gute Frau Smith erhielt in den Vereinigten Staaten die stolze zehnfache (!!) mediale Aufmerksamkeit im Vergleich zum wichtigsten verfügbaren Dokument über die Situation eines der wichtigsten Umwelt- und damit Menschheitsprobleme unserer Zeit.
Lasst es mal ein wenig im Kopf herumrollen: Zehn Mal mehr mediale Aufmerksamkeit für Anna Nicole Smiths Tod als für die Erderwärmung. Da muss einen eigentlich gar nichts mehr wundern.
Von Nils Simon
Posted: 15 Mai, 2008 in Globale Erwärmung, Nicht lustig.
Comments
Comment from Nils Simon
Posted: 16. Mai 2008 at 18:04
Hallo Jörg! Ich stimme Deinen beiden Beobachtungen voll und ganz zu. Dieser Tage kann man zudem einen vielleicht zweieinhalbten Punkt sehen, die unverhältnismäßige Überspitzung oder sogar Produktion einer ganz normalen Kontroverse, in diesem Falle über mittelfristige Temperaturprognosen. Nachdem ich dachte, es sei schon alles an medialem Unsinn dazu gelaufen, hat die FR daraus sogar noch eine Titelstory gemacht, und wieder einmal mit der grundfalschen Überschrift, die Erderwärmung mache eine “Pause”.
Eine grob vergleichbare Tendenz der Medien, künstlich eine Kontroverse zu schüren und dabei vermeintlich “ausgewogen” zu berichten, ist in der oft zitierten Studie von Boykoff und Boykoff 2004 beschrieben worden. Aus Wikipedia:
Im starken Kontrast zur Fachdebatte, in der sie kaum eine Rolle spielen, steht die Präsenz von Kritikern der IPCC-Berichte in der öffentlichen und politischen, über Medien verbreiteten Diskussion. Dort sind ihre Stimmen sehr viel öfter zu vernehmen, was die Wissenschaftler Boykoff und Boykoff zum Begriff der „Balance as bias“ (Wortspiel, auf deutsch etwa: „Balance als Unausgewogenheit“) anregte. In der Mehrzahl einer Auswahl untersuchter Zeitungsartikel der US-Qualitätspresse werde von den verantwortlichen Journalisten versucht, beide „Seiten“ der Klimaforschung darzustellen und daher den Argumenten von Klimaforschung und Klimaskepsis gleich viel Platz einzuräumen. Diese vermeintliche Ausgewogenheit führe dazu, dass in den Medien der falsche Eindruck grundlegender Dispute in der Klimaforschung erweckt werde, während in der wissenschaftlichen Gemeinschaft mitunter kaum mehr begründete Zweifel bestünden.[65] Ein vergleichbares Ungleichgewicht wurde auch in der TV-Berichterstattung gefunden.[66]
Comment from Georg Hoffmann
Posted: 16. Mai 2008 at 19:30
Wobei natuerlich das mit Frau Smith schon ein schwerer Schlag war. Ich erinnere mich noch an ihre erste H&M Werbung, die mich fuer mindestens 2 Wochen in HH vom Fahrrad auf den Bus (alle Wartehaeusschen waren plakatiert) umsteigen liess. Helas, vorbei.
Eine andere Frage ist die folgende: Wenn man Alisa Millers mediale Darstellung der Welt mal in den 50er, 70er etc und (warum nicht) mal zu Zeiten Columbus oder Wilhelm I erstellen wuerde, ist das jetzige Weltbild wirklich provinzieller oder trivialer als es das frueher war? Das laeuft dann auf so Fragen nach allgemeinen Kulturpessimismus heraus und eigentlich bin ich (wie auch sonst) da gar nicht mal so pessimistisch.
Vilhelm Flusser (ein leider schon verstorbener tschechischer Philosoph) meint, man muesse die aktuellen medialen Transformationen eher als Uebergang von einer linearen Schriftkultur in eine Zeichen und Bildergesellschaft verstehen. Ich glaube es lohnt sich in Hinblick auf Millers etwas duestere Vision einmal bei ihm reinzuschauen:
http://en.wikipedia.org/wiki/Vil%C3%A9m_Flusser
Grusz Georg

Comment from Jörg Haas
Posted: 16. Mai 2008 at 08:15
Hinzu kommen dann noch zwei systematische Fehlsteuerungen der Medien:
1) der Hang zum Katastrophismus (in 12 Jahren geht die Welt unter)
2 und komplementär dazu der Hang zum Aufbauschen absolut unseriöser klimaskeptischer Äusserungen (The Great Climate Swindle)
Medien haben ein Doppelgesicht: Sie sind ein essentielles Element unserer Demokratie, und sie sind Wirtschaftsunternehmen, die wie andere auch ihren Gewinn maximieren müssen.
Letzteres dominiert leider immer mehr ihren Charakter.