Ein letztes Eis jemand?
So baff wie gerade bin ich selten, wenn ich die Nachrichten über den Klimawandel verfolge. Meistens lese ich da von eher kleinen, mit Unsicherheiten behafteten Veränderungen, die man erst nach Jahrzehnten oder sogar Jahrhunderten voll zu spüren bekommen könnte, oder die zwar schon da sind, aber letztlich mickrig sind gegen das, was noch kommen könnte.
Aber die gestern veröffentlichten Daten zur Ausdehnung des arktischen Meereises haben mich wirklich umgehauen. Einen vollen Monat bevor das sonst übliche Septemberminimum erreicht wird, hat die Arktis bereits jetzt den Rekord für die kleinste je festgestellte [Fläche] des Meereises eingestellt – der übrigens von 2005 stammte, welcher den Rekord von 2002 eingestellt hatte. [Anmerkung: Hier hatte ich mich vertan und ursprünglich von "Ausdehnung" geschrieben. Wie unten schon richtig steht, gibt es einen Unterschied zwischen "sea ice area", das ich hier mal mit "Fläche" übersetze, und "sea ice extent", für das ich den Begriff "Ausdehnung" verwende. Der Flächenrekord ist am 9. August eingestellt worden, der Rekord der niedrigsten Ausdehnung erst am 17. August.] Nicht, dass das besonders überraschend ist. Der Trend zeigt schließlich unzweifelhaft an, wohin die Reise geht:

Bild: Trend der geringsten [Fläche] des arktischen Meereises zwischen 1979 und 2007. Quelle: The Cryosphere Today.
Das Ausmaß der diesjährigen Schmelze ist dann allerdings wirklich beängstigend. Stolze 1,2 Millionen Quadratkilometer weniger Fläche als im September 1979 misst das Meereis dieser Tage. Das ist mehr als drei Mal die Fläche von Deutschland. Im direkten Vergleich 1979 zu 2007 sieht das so aus:

Bild: Vergleich der Ausdehnung des arktischen Meereises im September 1979 und im August 2007. Quelle: RealClimate.org nach den Originalen von The Cryosphere Today.
Eine Nachrichtenstory dazu gibts bei der New York Times. Als ursächliche Faktoren wird ein Mix aus natürlicher Variabilität und anthropogenem Treibhauseffekt angenommen, also keine Überraschungen von dieser Seite. Mit schmelzendem Meereis entsteht natürlich das Problem der sinkenden Albedo. Das dunklere Wasser nimmt sehr viel mehr Wärmeenergie auf als der weiße Schnee, was wiederum schnelleres Schmelzen bedeutet. Ich weiß gerade gar nicht ob ich wirklich wissen will, wie das Ergebnis im September letztlich aussehen wird…
UPDATE: Eine weitere gute Seite hierzu ist vom National Snow and Ice Data Center (NSIDC).
UPDATE 2: Ebenfalls aufgegriffen haben das Thema der Old man in a cave sowie die DiskuantInnen der Google Group globalchange
UPDATE 3: Das Schrumpfen geht weiter: Nach 5,8 Millionen km^2 am 8. August, auf 5,4 Millionen km^2 am 13. August und auf 5,26 Millionen km^2 am 17. August laut NSIDC. (Achtung: Hier ist von sea ice extent die Rede, was höhere Werten bedeutet als die sea ice area aus der Grafik oben) Damit ist am 17. August der September-Rekord von 2005 bereits eingestellt. Ich hatte mich oben im Text vertan, mit 5,8 Millionen km^2 war “nur” der zu jenem Zeitpunkt in den Vorjahren gemessene Rekordwert unterboten worden, aber noch nicht das absolute Minimum aus dem September 2005. Das ist erst gestern geschehen.
UPDATE 4: Am 3. September stellte NSIDC nur noch eine Ausdehnung von 4,42 Mio. km^2 fest. Und noch sind es einige wenige Wochen bis zum erwarteten Minimum. Ich habe eigentlich Lust, hier direkt ein oder zwei neue Grafiken einzubinden, aber das spare ich mir besser für einen ganz neuen Beitrag, sobald der endgültige Rekordwert für dieses Jahr feststeht. In der Zwischenzeit empfehle ich euch Arktis ohne Eis von Jörg Haas.
Von Nils Simon
Eingetragen: August 10th, 2007 unter Eisschilde und Gletscher, Globale Erwärmung, Wasser und Ozeane.
Kommentare
Comment from Kohleverfluessigungs-Investor
Time 11. August 2007 at 15:27
Durch das Eis wird nicht bewiesen, dass der Klimawandel menschengemacht ist.
[Wie hoch schätzt Du denn die Wahrscheinlichkeit dafür ein, dass ein so rapides Schmelzen in der Arktis natürlichen Ursprungs ist? Und wenn ja, welche Faktoren sollen dafür verantwortlich sein? Schätzungen, ab wann die gesamte Arktis in den Sommermonaten eisfrei sein wird, reichen von 2040 bis vielleicht 2100. Welche natürlichen Faktoren könnten denn so etwas bewirken, die wir bis heute noch nicht einmal im Ansatz verstanden haben (denn sonst könnten wir sie ja modellieren)? Nils]
Comment from planetologist
Time 13. August 2007 at 16:43
@ghw: “Nun, nach dem letzten Winter, der gerade in Sibirien vergleichsweise hohe Temperaturen gehabt, verwundert mich das überhaupt nicht.”
Mich auch nicht. Insbesondere wenn ich berücksichtige, dass Sibirien in den letzten 27 Jahre signifikant mehr dieser vergleichswarmen Winter hatte als in den 27 Jahren davor.
Aber das hat natürlich alles nichts mit globaler Erwärmung zu tun. Es ist auch bloßer Zufall, dass die Abnahme des arktischen Eises infolge der Zunahme der Temperatur in den letzten Jahren durch Modelle wiedergegeben werden kann und sogar vorhergesagt wurde.
Wir warten einfach auf mehr Winter von der Sorte von 1996 und hoffen, dass danach einfach mal eben so die Anhäufung der warmen Winter aufhört, oder was? Du setzt Deine Hoffnung also eher auf einen statistischen Ausreißer, der das Eis auf lange Sicht auch nicht mehr fett machen wird, denn auf den Langzeittrend wie hier zu sehen (http://arctic.atmos.uiuc.edu/cryosphere/IMAGES/current.anom.jpg).
Komisch ich sehe anhand des Graphen, dass der kalte 1996er Winter auf die langfristige Abnahme des Eises so gut wie keinen Einfluss hatte. Es ist ja auch total logisch 1 Jahr als Gegenargument gegen die gesamte 27 Jahre Entwicklung zu wählen. Tatsache ist, dass seit 11 Jahren nicht annähernd der Eisstand von 1996 wieder erreicht worden ist – wegen dieser verflixten warmen Winter.
@Kohleverfluessigungs-Investor: Was wäre denn deiner Meinung nach ein Beweis? Wenn Du dabei zusehen könntest, wie das Eis schmilzt und Dein Haus davonschimmt?
Der Eisverlust ist auf jeden Fall ein verdammt starker Hinweis, dass hier etwas ganz und gar nicht stimmt.
Wenn Du schon nicht der globale Erwärmungtheorie nicht traust…
Was taut das Eis denn sonst auf?
Änderung der Erdneigung? Nein, wurde ausgeschlossen, da man das messen könnte.
Änderungen der Erdbahn wie Exzentrizität? Nein, kann nicht festgestellt werden.
Änderung der Sonneneinstrahlung? Nein, kann auch nicht festgestellt werden.
Das alles wurde bereits untersucht und ausgeschlossen.
Der Treibhauseffekt auf der anderen Seite liefert tatsächlich eine schlüssige plausible Erklärung. Es ist ja auch nicht so, als ob sehr viele Gletscher (von einzelnen Beispielen abgesehen) schrumpfen würden.
Waas ist denn der Vorschlag: Lasst uns abwarten, bis auch der letzte Zweifler überzeugt ist?
Comment from Wolfram
Time 19. August 2007 at 23:41
Sofern der arktische Ozean gefroren ist wie heute, verhindert die Eisschicht eine Verdunstung des darunter liegenden Wassers, die Luft ist somit nicht mit Wasserdampf aufgeladen und es kann nicht schneien. Wenn es nicht schneit, wird die Eismasse weniger.
Sobald aber wieder Wasser durch ein Schmelzen der Eisdecke zum Vorschein kommt, verdunstet wieder Wasser und es kann mehr Schnee die Eisdecke wieder auffüllen. Je weniger Eis vorhanden ist, desto mehr Sonnenstrahlung wird absorbiert und die Temperatur steigt weiter. Je mehr Eis vorhanden ist, desto mehr Sonnenlicht wird wieder reflektiert und die Temperaturen fallen wieder. Ein völlig normaler Prozess, der gar nichts mit einem angeblichen anthropogenen Klimawandel zu tun hat.
In Grönland ergibt sich im Mittel eine Zunahme der Eisdecke von 5,5 cm /Jahr!
Die Reise von Merkel und Gabriel war eine reine Lachnummer.
[Damit kannst Du aber nicht erklären, warum die Fläche des Meereises seit 1979 um 30% abgenommen hat. Zudem ist bereits jetzt eine rasanta Rückkopplung zu beobachten: Je geringer die Fläche des Meereises, um so mehr Wärme wird vom dunkleren Meerwasser aufgenommen - und um so schneller schmilzt das Eis. Bei Dir liest sich das eher so, als würde wärmeres Wasser mit wachsenden Meereis einher gehen, was sicher nicht der Fall ist. Grönland verliert übrigens nach allen vorliegenden Messungen derzeit deutlich an Masse, im Zeitraum von April 2002 bis November 2005 zwischen 239 ± 23 km^3 und 224 ± 41 km^3 pro Jahr.[1] Andere Messungen ergaben zwischen 2003 und 2005 eine Abnahme um 101 ± 16 Gigatonnen (Gt) jährlich, wobei der Eisschild oberhalb von 2000 Meter Höhe 54 Gt zugenommen und unterhalb davon 155 Gt verloren hat.[2] Nils]
Comment from Jörg Haas
Time 5. September 2007 at 18:29
Neue Daten zum Thema finden sich übrigens auf http://www.klima-der-gerechtigkeit.de/arktis-ohne-eis/
Schöne Aufbereitung, Glückwunsch, Nils.
Jörg
Comment from oekologist
Time 5. September 2007 at 22:55
Für die Berechnung des Rückgangs des Eispanzers der Arktis benötigt man eine Dimension mehr, als nur die Fläche (2-Dimensional). Erst mit der Messung der DICKE des Eises, kann man mit Sicherheit von einem Rückganges des Eispanzers sprechen. Wenn im Zentrum der Arktis der Eispanzer in der Dicke zunimmt, kann er in der Ausdehung durchaus abnehmen – und das ohne Masseverlust.
Interessant, dass das nicht berücksichtigt wird.
[Über die Dicke existieren nicht so gute Daten wie über die Fläche bzw. Ausdehnung. Trotzdem zeigen die verfügbaren Studien, dass auch die Dicke im Durchschnitt abgenommen hat, siehe z.B. im IPCC Fourth Assessment Report. Nils]
Comment from Nils Simon
Time 9. September 2007 at 07:58
Hinweis: Bei Klima der Gerechtigkeit: Arktis ohne Eis gibt es auch eine Diskussion mit hilfreichen weiterführenden Quellen zur Frage nach der Dicke des arktischen Meereises.
Comment from adenosine
Time 12. September 2007 at 12:22
Ein Verschwinden des kompletten arktischen Meereises führt über den Ice Albedo Feedback zu einer Erhöhung der mittleren globalen Temperatur. Kennt jemand den Wert dieser Erhöhung?
Comment from Kohleverfluessigungs-Investor
Time 16. September 2007 at 22:25
Es ist unverantwortlich, das Jahr ´78 als Bezugspunkt zu verwenden.
Ein typischer Trick von Al Gore.
Bis ´78 hat die Eisfläche nämlich zugenommen.
Sie zeigen hier den Trend der letzten 30 Jahre auf, nicht aber den Trend der letzten 50 bzw. 100 Jahre.
Damals hat man nämlich eine globale Eiszeit für realistisch gehalten, da der Trend in die entgegengesetzte Richtung lief!
Benutzen sie beim nächsten Mal Daten, die einen möglichst langen Zeitraum beinhalten.
Ansonsten kann man solche Statistiken als Manipulation bezeichnen.
[Von Cryosphere Today existiert eine Grafik, die bis 1900 zurückreicht. Wie verlässlich die Daten sind, kann ich nicht sagen, weil ich nicht weiß wie sie gewonnen wurden (möglicherweise findet sich bei CT mehr dazu, falls Du interessiert bist). Der Trend jedenfalls ist auch über die letzten 100 Jahre eindeutig. Die Daten seit 1978 sind einfach die besten verfügbaren, deshalb habe ich sie genommen. Übrigens wurde auf der Südhalbkugel jüngst ein Meereis-Maximum festgestellt. Irgend etwas sagt mir, dass Du darüber keine Beschwerde wegen des kurzen Beobachtungszeitraumes verfasst hättest... Nils]
Comment from ~ghw
Time 10. August 2007 at 21:36
Nun, nach dem letzten Winter, der gerade in Sibirien vergleichsweise hohe Temperaturen gehabt hat, verwundert mich das überhaupt nicht.
Das Arktische Polareis wird ist ja ständig in Bewegung, wird primär an der Nordküste Sibiriens gebildet und treibt dann ca. 2-4 Jahre mehr oder weniger im Kreis, bevor es zwischen Grönland und Europa auf den warmen Golfstrom trifft und dort schmilzt.
Die Satellitenaufnahmen zeigen auch, dass gerade in der Zone, wo das Eis im Winter gebildet wird, nicht viel Eis zu sehen ist.
Der Graph zeigt aber auch, dass ein kalter Winter wie 1996 ausreicht, um etliches Eis nachzubilden.